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Im Schlaf sieht Patrick, was er wach nicht glaubt.

Dietmar Dath

Your Sprache Never Was
Eine Niederlage

Published: 11.12.2017

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Im Schlaf sieht Patrick, was er wach nicht glaubt:

Das Verzeichnis rechnet alles an. Ankündigungen von Belohnung, meist unwahr, leuchten auf und sterben. Der dopaminergische Haushalt ernährt die Liste. Limbische Strukturen tragen sie. Hirn heißt Haus, hat angeblich Fenster.

Es sind aber Langzeitbilder der Vergangenheit.


Sechs Minuten nach vier Uhr früh wacht Patrick von einem Störgeräusch auf.

Er liegt im kleinen Zimmer. Renate schläft im großen.

»Vielleicht hab’ ich nachts ’ne Idee«, hat er ihr

seinen Umzug auf die Couch erklärt, »die muss ich denen dann schicken. Wir reichen das Ding übermorgen ein.« Er fürchtet sich davor, im Schlaf zu sagen, was er von Kerstin weiß, wenn er neben Renate liegt. Im Dunkeln spürt er, dass der Raum ihn anbrummt. Das Hirn gibt dem Brummen Antwort, singt Zucker und Proteine, spricht perineurales Geflecht, das Herausbildung und Funktion der Synapsen kontrolliert, die alle zwischenzelluläre Kommunikation der Neuronen steuern.

Patrick fröstelt von den Füßen her.

Er möchte bei Renate bleiben, nicht nach Amerika fliegen zur Nichtschwimmerin Kerstin.

Renate ist dreißig Jahre alt und ein solider Mensch, die Nichtschwimmerin Kerstin dagegen lebt so lange wie Patrick, zweiundfünfzig Jahre schon, und ihr schreckliches Genie hat nichts Solides.

Renate ist sportlich, hat langes, aschblondes Haar und lacht musikalisch. Dass Patrick einerseits loyal zu seinem heiklen Freund Karel Landau steht, andererseits aber das nicht deckt, was der getan hat, findet sie »heroisch«, ein Wort aus der Literatur, sie liest Romane. Kerstin wiederum hasst Romane, ist knochig und bleich, hat maschinenrasiert kurzes, an den Schläfen schon ergrautes Haar, drei Millimeter, schätzt Patrick, nach letzten Skype-Eindrücken.

Wenn sie lacht, klingt’s dreckig und allwissend, klirrender Riss im inneren Grinsen. Immerhin liest sie Gedichte.


Seit Kerstin das letzte Mal hier in Frankfurt war, auf der Durchreise, nach der Konferenz in Brescia, sind sechzehn Monate vergangen. In dieser Zeit ist der Boden zerbrochen, auf dem Patrick dem Wissen standhalten wollte, das sie ihm in einer Pizzeria verraten hat – nicht auf dem Friedhof, nicht in der Tiefgarage, nein: in der Pizzeria, ein Witz.

Boden?

Seine Arbeitsgruppe, die auf nächtliche Ideen wartet, um das geplante Paper aufzumotzen, forscht im Fassbaren herum, aber dieser Boden ist Sumpf: chirale Magneten, Skyrmionen, Festkörperzeug.

Seinen alten Studienfreund Karel Landau hat Patrick dabei als externen Kollegen aushelfen lassen, wollte ihn sogar in die Gruppe holen, bevor Landau als Fälscher von Tunnelmikro-
skop-Daten überführt wurde.

Anhörung, unehrenhafte Entlassung, Peinlichkeiten. Ein Bruch.

Patricks Beziehung zu Renate bietet erst...

Im Schlaf sieht Patrick, was er wach nicht glaubt:

Das Verzeichnis rechnet alles an. Ankündigungen von Belohnung, meist unwahr, leuchten auf und sterben. Der dopaminergische Haushalt ernährt die Liste. Limbische Strukturen tragen sie. Hirn heißt Haus, hat angeblich Fenster.

Es sind aber Langzeitbilder der Vergangenheit.

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Dietmar Dath

Dietmar Dath

is a writer, translator and film critic for the Frankfurter Allgemeine Zeitung. He has published numerous books.
 

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